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100 Jahre Mikrobiologische Vereinigung München e. V. 1907 - 2007 |
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Ein Mitglied unserer Vereinigung: Der Milben-VitzthumVon Klaus Henkel "Auf einer unserer alten Programmkarten" schreibt Schulrat Auer, der Vorsitzende der MVM in den Jahren 1938 bis 1942, "können Sie die Ankündigung eines Vortrages über Milben von Herrn Dr. Graf Vitzthum finden. In der Einleitung dieses Vortrages hat er in seiner liebenswürdigen, witzigen und bescheidenen Art uns alle schön hereingelegt, indem er fragte: Sie kennen ja alle die Milben und wissen, was Milben sind. - Lebhafte Zustimmung. - Das freut mich, sagte er‚ dann wissen Sie ja schon mehr als ich." - Ein kleiner Scherz; ein wenig spöttisch, wie es Vitzthums Art war. Denn die Zuhörer wußten, daß es auf der ganzen Welt niemanden gab, der die Milben besser gekannt und der besser gewußt hätte, was sie sind, als er: ![]() Dr. phil. Hermann Ludwig Wilhelm Graf Vitzthum von Eckstädt Großherzoglich-sächsischer Kammerherr, Gerichtsassessor a. D. Rechtsritter des Johanniterordens Milbenforscher aus Leidenschaft Mitglied der Mikrobiologischen Vereinigung München * 16. Januar 1876 in Berlin † 19. Mai 1942 in München ![]() Analgopsis passerinus L. eine Federmilbe unserer Hausspatzen und anderer Singvögel. Sie sitzt oft in Massen an den Federn, von denen sie sich ernährt. Aus Vitzthum 1929. Schon länger als ein Menschenalter sind Graf Vitzthums Arbeiten über die Milben eine Grundlage für die Zoologie und die Veterinär- und Humanmedizin. Das ist eine lange Zeit, wenn man bedenkt, wie viele und schnelle Fortschritte die Wissenschaft in jenen Jahrzehnten machte. Die Krönung seiner wissenschaftlichen Leistungen war sein über tausendseitiger Beitrag über die Milben Acarina in Bronns Klassen- und Ordnungen des Tierreichs (1940 bis 1943). Die Exaktheit und Zuverlässigkeit seiner Beschreibungen sind beispielhaft und begründeten den Weltruf dieses einzigartigen Spezialisten auf dem Gebiet der Milbenkunde. Der LebenslaufHermann (III) Graf Vitzthum entstammt dem "zweiten Zweig des ersten Astes der zweiten Linie" der Grafen Vitzthum von Eckstädt, einem alten thüringischen Adelsgeschlecht. Sein Vater war Otto Rudolf Graf Vitztum von Eckstädt, königlich-preußischer Kammerherr, geb. 1831 in Berlin, gest. 1906 in Blankenese bei Hamburg. Seine Mutter Helene Bertha geb. Jenisch, 1844 - 1933, stammte aus einer der reichsten Familien Hamburgs. Hermann besuchte bis 1896 das Lübecker Gymnasium (Katharineum), verließ es mit dem Reifezeugnis und studierte dann in Lausanne, München und Berlin vor allem Jura, schloß das Studium 1907 mit der großen juristischen Staatsprüfung ab und wurde damit Gerichtsassessor. Nebenher hatte er aus Neigung planvoll zoologische, botanische, geologische und paläontologische Vorlesungen gehört. So wurde ihm schon vor der Beendigung seiner juristischen Ausbildung klar, daß er nicht zum Richter oder Verwaltungsbeamten geboren war. Seine Neigung und Begabung zogen ihn vielmehr zur naturwissenschaftlichen Forschung. Noch während der Universitäts- und Referendarsjahre erbat er sich wiederholt Urlaub für größere Reisen.
Am 9. September 1924
trat Hermann Graf Vitzthum der Mikrobiologischen Vereinigung München e. V. bei und blieb bis zu seinem Tode ihr Mitglied, zuletzt Ehrenmitglied. In diese Zeit (März 1925) fällt auch seine Promotion zum Dr. phil. an der Universität Jena, mit der Dissertation Die unterirdische Acarofauna. Hauptfach Zoologie, Nebenfächer Botanik und Geologie. Schon vor der Promotion zum Dr. phil. hatte er 32 Arbeiten über Milben veröffentlicht.
Im Juli 1932 erhielt er endlich eine Stelle als Assistent am Zoologischen Institut der ehem. Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin und dem späteren Institut für Landwirtschaftliche Zoologie der Universität Berlin. Diese Stellung hatte er bis 1934 inne. Dann ermöglichte ihm ein Familienstipendium der Vitzthums, sich ganz seinem Spezialgebiet zu widmen, und er siedelte von neuem nach München über (Linprunstraße 63 - Haus steht nicht mehr, wurde durch Bomben zerstört). Er wollte nun in stiller Zurückgezogenheit seinen wissenschaftlichen Neigungen weiter leben und noch an einem größeren, zusammenfassenden Werk über Milbenkunde weiterarbeiten. Dessen erster, 800 Seiten umfassender Teil, ausgestattet mit 486 Abbildungen, ist noch zu seinen Lebzeiten erschienen. Im Oktober 1941 erkrankte er an einer schweren Lungen- und Rippenfellentzündung, begleitet von Herzstörungen. Im Frühjahr 1942 lebte die Rippenfellentzündung wieder auf und führte zusammen mit Herzschwäche am 19. Mai zum Tode. In Mittenwald fand er seine letzte Ruhe. Der Wissenschaftler und seine MilbenDer Lebensweg und die wissenschaftliche Laufbahn von Dr. Hermann Graf Vitzthum sind ungewöhnlich, wie schon die späte Promotion mit fast 50 Jahren anzeigt. Aber ungewöhnlich und bemerkenswert ist auch die vollbrachte Leistung auf einem selbstgewählten, technisch besonders schwierigen Spezialgebiet, zu dem er durch Neigung gefunden hatte und in dem er zu einem einzigartigen Spezialisten geworden war. Zu den Milben führte Vitzthum sowohl die eigene Neigung als auch - wie er selbst angibt - die besondere Ermunterung durch Professor Ludwig (Greiz). Mit einer größeren Arbeit, Über einige auf Apiden lebende Milben (I bis VI; Zeitschr. f. wissenschaftliche Insektenbiologie, 2. Folge, Bd. 8, Heft 2-9; 1912) trat er zum ersten Mal in die wissenschaftliche Öffentlichkeit.
Vithzhum hat über 80 Arbeiten aus dem Gebiet der Acarologie veröffentlicht, fast alle in führenden Fachzeitschriften. Die Zeitschrift für Parasitenkunde (Verlag von Julius Springer, Berlin), deren Mitherausgeber er war, enthält 15 Arbeiten aus seiner Feder, ein Beweis für seine rege Mitarbeit. Viele seiner wissenschaftlichen Ergebnisse veröffentlichte er in seiner eigenen Publikationsreihe Acarologische Beobachtungen. Zu den Einzelarbeiten kommen noch seine großen zusammenfassenden Darstellungen in Kükenthal und Krumbach Handbuch der Zoologie, in Brohmer, Ehrmann, Ulmer Die Tierwelt Mittelleuropas, in P. Schulze Biologie der Tiere Deutschlands. Bei diesen Werken hatte Vitzthum stets auch ein wissenschaftliches "Pendant": Karl Viets veröffentlichte mehr oder weniger zeitgleich stets entsprechende Werke über die Wassermilben.
Nicht nur wissenschaftliche Anerkennung hat Graf Vitzthum sich erworben, auch hohe Orden wurden ihm verliehen. Dennoch blieb er der stille Gelehrte, der auch die Leistungen anderer neidlos und aufrichtig anerkannte. In seinem Werk Acarinen. Résultats Scientifiques du Voyage aux Indes Orientales Néerlandaises de LL. AA. RR. le Prince et la Princesse Léopold de Belgique (1931) schreibt er zum Beispiel auf Seite 37: "Wer sich heute mit einer Frage aus der Systematik der Bdellidae befassen will, stößt auf Schwierigkeiten, sich so auszudrücken, daß keine Mißverständnisse entstehen können. Denn auch neueren Autoren sind verwirrende Verwechslungen unterlaufen. Zu diesen muß ich leider auch mich selbst rechnen im Hinblick auf meinen Beitrag zur Tierwelt Mitteleuropas von Brohmer, Ehrmann und Ulmer ..." Vitzthum hat neben der strengen Wissenschaft auch populär geschrieben, war ein treuer Mitarbeiter des MIKROKOSMOS. Er veröffentlichte von 1910 bis 1926 10 Artikel und das Angebot von Milbenpräparaten mit Beschreibungen in kleinen Mitteilungen. Dem Artikel Seltsames Vorkommen von Milben, Mikrokosmos 13, (1919/20) Seite 106 gab Vitzthum folgende Einleitung: Der Mikrokosmosleser hat schon wiederholt Bekanntschaft mit Milben gemacht, eigenartigen Tieren, die sich trotz der Winzigkeit oft durch ihre bizarre Form, mitunter auch durch Farbenpracht auszeichnen. Er weiß mit dem Planktonnetz aus fast jedem stehenden oder schnell fließenden Wasser Hydrakarinen zu fischen, weiß, daß er die phantastischen Analginen auf Vogelfedern, die Tetranychiden auf Blättern zu suchen hat und ist mehrfach darauf hingewiesen worden, daß die gewöhnlichen Stubenfliegen, die seine Fenster beschmutzen, oft hunderte von Wandernymphen des Anoetus muscarum mit sich herumschleppen.
Larve von Trombicula autumnalis SHAW 1790, Auch bei seinen Mikrokosmos-Artikeln stehen die Schmarotzer im Vordergrund: Ein Parasit an Hummeln (4, S. 33), Die Insel-Wight-Krankheit der Biene (16, S. 89), Die Ohrenräude (19, S. 13), Federmilben (Analginen) (7, S. 189), Die Pelzmilben (Myobien) (14, 179). In Die Tetranychiden Deutschlands (6, S. 99; 108) gab Vitzthum die erste Gesamtdarstellung der Spinnmilben Deutschlands. Weitere Abhandlungen waren die Samtmilben (Thrombidiiden, Erythraeiden (17, S 99), Gäste unserer Schildläuse (12, S. 123) und schließlich Ein eigenartiger Begattungsvorgang (16, S. 171). Graf Hermann war gerne Mitglied der Mikrobiologischen Vereinigung München. Für ihn selbst wie auch im Vereinsleben war es stets etwas besonderes, wenn er einen Vortrag vor den Mitgliedern hielt. Er war längst Ehrenmitglied, als sich in den dreißiger Jahren ein illustrer Mitgliederkreis im damaligen Vereinslokal der MVM, dem südlichen Isartorturm einfand, in dem heute das "Valentin-Musäum" untergebracht ist: Professor Dr. Hans Ammann, Professor Dr. Fritz Skell, Obermedizinalrat Dr. Gustav Seifert, Oberregierungsrat Karl Berling, Landgerichtsdirektor Rudolf Binsfeld, Dr. Schanzer, Dr. Helmut Thaler - und Dr. Hermann Graf Vitzthum. Professor Dr. A. Hase von der Biologischen Reichsanstalt, Berlin-Dahlem, Herausgeber der Zeitschrift für Parasitenkunde, erinnert sich 1942 in seinem Nachruf auf Hermann Graf Vitzthum: "Freiwillig übernommene Pflichten der zoologischen Wissenschaft gegenüber gingen ihm über alles. Den äußeren, in den späteren Lebensjahren oft drückenden Verhältnissen gegenüber wußte er mit Lebensklugheit und trockenem Humor in allen Lebenslagen zu begegnen. Aber seine sicheren Rechte wahrte er mit Würde und frei von Dünkel, und, wie er selbst einmal bei einer für ihn unerfreulichen Auseinandersetzung sagte: Wenn es Kopf und Kragen kostete. Anderen gegenüber war er der zuverlässigste, nie erlahmende Ratgeber; gewinnend und liebenswürdig gegen jeden. Graf Vitzthum war Edelmann im besten Sinne. Aber nicht durch Herkommen und Erziehung, sondern auf Grund seiner inneren Werte, auf Grund seines reinen Charakters. Für ihn gilt in vollem Umfange das Wort "Mehr sein als scheinen". Zu dieser Beschreibung seiner Person mag das Bildnis Vitzthums als Ordensritter oder Kammerherr des Großherzoglichen Hofes in Weimar nicht so recht passen. Zwar habe ich es aus Effekthascherei mit Bedacht an den Anfang dieses Aufsatzes gestellt, doch muß nun eine kleine Korrektur erfolgen, denn Graf Hermann sah sich selbst nicht so. Pflichtschuldig sitzt er da in vollem Ornat, um sich für die Familiengalerie der Vitzthums malen zu lassen. Er fühlt sich nicht wohl, und dem aufmerksamen Betrachter des Bildes entgeht Vitzthums skeptischer Blick ebensowenig wie dem einfühlsamen Künstler. Vitzthums Abneigung gegenüber allem Pompösen und Prunkhaften genießt auch der Leser seiner Werke in den klaren, knappen und doch lebendigen Darstellungen. Mit einer Fotografie, die ihn so zeigt, wie er sich selbst und wie ihn seine Familie sah, soll ihm deshalb Genugtuung widerfahren.
Wovor fürchtest du dich ?Hermann Graf Vitzthum hatte mit Thomas Mann und mit anderen Jungen während ihrer Lübecker Gymnasialzeit zusammen bei einem Pfarrer in Kost und Logis gewohnt. (Hermanns Eltern lebten damals in Mecklenburg.) Die Freundschaft mit Thomas Mann war dauerhaft, sie trafen sich im späteren Leben mehrmals, besuchten einander und standen in Briefwechsel. In Thomas Manns Tagebüchern aus den Jahren 1918 bis 1921 kommt Hermann mehrfach vor, auch im zweiten Band der Mann-Biografie von Peter de Mendelssohn. Hermanns Tochter Marie-Helene Dorothee war mit Golo Mann befreundet und eine Patentocher Thomas Manns. Aus diesem Lübecker Freundeskreis existiert eine Art Poesie-Album von Ilse Martens, die in Thomas Manns Königliche Hoheit als Fräulein Isenschnibbe in die Literatur eingegangen ist. Hermann "war ihr Freund während der Primanerabende und auch später". Im Poesie-Album von Ilse Martens gab es eine Rubrik "Erkenne Dich selbst", in der sich auch eine Eintragung des Primaners Hermann Graf Vitzthum findet. Einige Antworten seien hier wiedergegeben. Deine Lieblingseigenschaften am Manne ? - Geistesgegenwart, Mut und Humor.
Deine Lieblingseigenschaften am Weibe ? - Offenheit und Heiterkeit. Deine Lieblingsbeschäftigung ? - Die Welt zu besehen. Deine Idee vom Glück ? - Seine Ziele zu erreichen. Welcher Beruf scheint Dir der beste ? - Jeder, zu dem man paßt, je schwieriger desto besser. Wo möchtest Du leben ? - Überall. Wann möchtest Du gelebt haben ? - Zu allen Zeiten, besonders während der Renaissance. Deine Idee von Unglück ? - Keinen Erfolg zu haben. Dein Hauptcharakterzug ? - Über alles zu spotten. Deine Lieblingsschriftsteller ? - Horaz, Shakespeare, Turgenjeff, Loti und Nietzsche. Deine Lieblingsmaler und -bildhauer ? - Murillo, Alma Tatema und Böcklin. Deine Lieblingskomponisten ? - Die der holländischen Volkslieder des 16.-17. Jahrhunderts und Bizet. Lieblingshelden in der Geschichte ? - Caesar, Gelimer, Cromwell, Karl XII und Friedrich d. Gr., Napoleon I. Lieblingscharaktere in der Poesie ? - Siegfried, Faust, Wallenstein und Julian Apostata. Die Fragen und Antworten entstammen einem Artikel im Familienbuch der Vitzthums von Prof. Dr. phil. Peter Robert Franke, Saarbrücken. Er trägt in der Überschrift eine weitere Frage, die Hermann Graf Vitzthum von Eckstädt im Jahre 1895 beantwortet hat: Wovor fürchtest Du Dich ? - Nur vor der Dummheit. ![]() Eine Ameise (Lasius) mit zwei Fühlermilben behaftet. Nach Janet. Aus Vitzthum 1923. DankQuellen
Bildquellen (Werke Vitzthums)
Dieser (geringfügig überarbeitete) Aufsatz erschien zuerst in: "µ" - Mitteilungen der Mikrobiologischen Vereinigung München e.V., Heft 4 1997. Link zum umfangreichen Verzeichnis Milben-Literatur Link zu Graf Vitzthums Milbenpräparaten in der Zoologischen Staatssammlung München: Vitzthums Milbensammlung
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