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100 Jahre Mikrobiologische Vereinigung München e. V. 1907 - 2007 |
Das Holundermark
Die Einbettung in Holundermark ist beinahe so alt wie die botanische Mikrotechnik selbst. Umso merkwürdiger ist, daß viele Mikroskopiker, auch solche, die schon mehrmals Holundermark benützt haben, noch nie welches gesammelt bzw. es nach dem ersten fehlgeschlagenen Versuch aufgegeben haben. Das soll nicht verwundern, denn selbst der Altmeister des botanischen Handschnitts, Rudolf LINDAUER, gibt in Die Technik des Handschnittes. (Mikrokosmos 61, 1972, 144-151) eine irreführende Arbeitsanleitung. "Aus vorjährigen Zweigen", heißt es da. Kein Wunder, daß man das nicht ein zweites Mal versucht. Man sammelt jedoch nicht "Zweige", sondern die abgestorbenen Wasserschößlinge! Weil ich es besser nicht erklären könnte, zitiere ich Rainer GERSTLE (1987) von der ehemaligen Stuttgarter Redaktion des Mikrokosmos:
"Seltsamerweise hört man immer wieder die ratlose Frage nach Bezugsquellen für Holundermark. Phywe in Göttingen liefert es; es ist aber viel zu teuer, wenn man bedenkt, daß man Holundermark an fast jedem Waldrand oder Gebüschsaum selber sammeln kann. Das Sammeln macht aber offenbar auch Schwierigkeiten. Viele Mikroskopiker versuchen, normale Holunderäste zu schälen und können daraus natürlich kein schönes, rundes, unverletztes Mark gewinnen. Man muß zur Gewinnung des Markes die vorjährigen Wasserschößlinge wählen. Das sind die geraden, nie verzweigten Triebe, die meist ein bis zwei Meter senkrecht in die Höhe ragen. Geerntet wird im Frühjahr vor dem Blattaustrieb. Dann erkennt man im Gesträuch auch gut die dünnen, abgestorbenen Wasserschößlinge.
Nachtrag für botanisch Interessierte: Wenn der Holunderstock alt ist, bildet er nur noch Kurztriebe. Dadurch wird der Saftdruck zu hoch, und Wasserschößlinge sind die Folge. Die sogen. schlafenden Augen werden nämlich von der Basis her aktiviert. Sie reifen aber nicht aus und frieren im Winter ab."
Andere Autoren nennen als beste Sammelzeit den Spätherbst, bevor die Winternässe einsetzt. Doch geben die meisten Januar und Februar an, später ginge das Mark durch eingedrungenes Wasser in Fäulnis über oder sei zum Schneiden zu weich, oft auch verpilzt.
Das herausgeschälte Holundermark - wenn das nicht ganz leicht ohne Kraftanstrengung geht, sind es nicht die richtigen Wasserschößlinge! - wird trocken, luftig und kühl gelagert; früher pflegten die Autoren hinzuzufügen: auf dem luftigen Dachboden. Es muß völlig austrocknen, bevor man es, in handliche Länge gebrochen, in eine Schachtel legt. Will man ein Objekt einbetten, so spaltet man ein entsprechendes Stück Mark der Länge nach in zwei Teile, indem man die Rasierklinge nicht zum Querschnitt, sondern längsseits ansetzt. Jetzt kann man ein Blattstück o. ä. dazwischen legen. Besteht die Gefahr, daß das Objekt beim Quetschen zwischen die beiden Markhälften deformiert wird, so höhlt man eine Markhälfte oder beide mit Skalpell oder Nadel der Form des Objekts entsprechend aus und legt es dort hinein. Den unteren Teil des Markstückchens, an dem man es beim Schneiden mit den Fingern festhält, sollte man mit einem Streifen Tesafilm fest umwickeln, damit die ganze Konstruktion, wenn man sie aus der Hand legen muß, nicht auseinander fällt und man die drei Teile wieder mühsam zusammenfügen muß.
Holundermark schneidet man immer trocken, nicht das Messer anfeuchten! Feuchtes Mark verliert seine günstige Konsistenz, wird weich und schwammig. Es läßt sich dann nicht mehr gut schneiden und führt die Klinge nicht mehr. Auch Nachteile hat das Holundermark, z. B. enthält es auch harte Bestandteile, welche die Messerschneide rasch abnützen. Wenn man trocken schneidet, was sich beim Holundermark ja empfiehlt, ziehen Mark und die schneidende Klinge aus kleinen Objekten den Rest der Feuchtigkeit. Kleine, harte Objekte, wie Samenkörner u. ä. können vom weichen Mark nicht richtig festgehalten werden. Schließlich müssen auch die Markschnitzel mühsam aus der Auffangflüssigkeit herausgefischt werden.
Im allgemeinen meinen Mikroskopiker eine Mohrrübe bzw. Möhre oder eine Karotte damit. Die kann man zwar auch nehmen. Manchmal wundert man sich aber, ob die rötlichen Bestandteile im Präparat von ihr oder vom geschnittenen Objekt stammen. Andere Rübenarten sind besser geeignet: Kohl- oder Futterrüben. Sie sind billig und lassen sich leicht bearbeiten und in Stücke jeder Form schneiden. Die Rübe hat einen zum Schneiden günstigen Widerstand und die Messerschneide wird kaum beansprucht. Befeuchtung mit Alkohol ändert ihre Festigkeit nicht wesentlich. LINDAUER meint, im Keller im feuchten Sand halte sich eine Rübe lange frisch, auch wenn sie schon angeschnitten ist. Ließe der Turgor einmal nach, genüge es, sie für einige Stunden ins Wasser zu legen, dann würde sie wieder hart. Seine Anleitung:
Gleich nach dem Kauf gründlich mit einer Bürste und viel Wasser reinigen, die anhaftende Erde muß restlos (!) entfernt werden, denn schon Spuren davon würden die Messerschneide sofort unbrauchbar machen. Auch müssen von den von ihr ausgeschnittenen Teilstücken die Außenschichten entfernt werden. Würfel schneiden, die ½ -mal länger sind als das Objekt und um dieses einen von 3 bis 5 mm starken Mantel bilden. Da das Rübengewebe viel fester ist als Holundermark, ist es wichtig, eine der Form des Objekts angepaßte Aussparung in die beiden Rübenhälften zu schneiden oder zu schaben. An der Ansatzstelle des Messers sollte der Rübenmantel 3 mm stark sein, an der Austrittstelle 4 bis 6 mm. Lindauer meint, daß man mit Rübeneinklemmung auch gute Erfahrungen beim Mikrotomschneiden machen würde.
Viele Seifen haben zum Schneiden mit dem Rasiermesser eine hervorragende Konsistenz - Kernseife zum Beispiel. Allzu weiche oder zu harte sollte man meiden. Besonders geeignet ist Glyzerinseife, die aber heute fast nur noch "veredelt", d. h. gefärbt und mit allerlei zusätzlichen Spezereien versetzt ist. Die reine Glyzerinseife ist opak, durchschimmernd. Ein eingeschlossenes Objekt ist darin gut sichtbar, und der Seifenblock kann entsprechend zurechtgeschnitten werden. Auch hier gilt: Mit einem Skalpell oder der Nadel in beide Blockteile entsprechende Hohlräume schaben, das Objekt hineinlegen und die beiden Blockflächen mit Alkohol beträufeln. Er löst die Seife rasch, sie umfließt das Objekt förmlich, die beiden Teilblöcke kleben aneinander. Läßt man dann den Seifenblock eine viertel oder halbe Stunde in Ruhe, bevor man ihn ins (Hand-) Mikrotom einspannt, so löst der Alkohol die Seife im Innern noch etwas, die infolgedessen alle Hohlräume ausfüllt, und die beiden Teilblöcke kleben fest zusammen. Nun kann man den Block mit dem Skalpel oder der Rasierklinge zurechtschneiden. Notwendig ist aber der Alkohol nicht. Die Seife entzieht den Objekten kaum Feuchtigkeit, sie schrumpfen deshalb in Seife nicht.
Die Seife löst sich vom Schnitt schon in wenigen Minuten, wenn man ihn ins Wasser legt. Sie läßt sich aus dem Schnitt dann in weiteren 5 bis 10 Minuten sehr leicht restlos auswaschen. Man muß destilliertes bzw. entsalztes Wasser nehmen, weil normales Leitungswasser mit der Seife in der Regel unlösliche Niederschläge bildet, die nur umständlich aus den Schnitten zu entfernen wären.
Am besten verwendet man die gute alte Glyzerinseife. Parfümierte und gefärbte bekommt man in jedem Drogeriemarkt, aber man kann durch sie nicht hindurch gucken, sieht das Objekt nur schlecht. Diejenige nach traditioneller Herstellungsart ist besser. In England ist sie noch viel in Gebrauch. In manchen Großstädten und im Versand bekommt man echt englische Glycerin Soap durch den Spezialversand Manufactum in Waltrop. Das ist kein Billigversender, aber der Preis für die Seife hält sich in Grenzen, weil es ja ein simples Produkt ist.
Die Glyzeringelatine ist als Einbettungs- bzw. Umschließungsmittel beinahe vollständig in Vergessenheit geraten. Dennoch ist das Arbeiten mit ihr sehr einfach und wirkungsvoll. Schwierig hingegen ist es gute Blöcke zu schneiden, ohne die Glyzeringelatine in die Hand zu nehmen, denn das sollte man wegen des Phenols darin lieber vermeiden. Manche Haut reagiert allergisch darauf.
Selbstverständlich ist auch Paraffin hervorragend geeignet, nicht nur als Durchtränkungsmittel.
Styropor läßt man besser sein, es ruiniert die Messerschneide meist schon beim ersten Schnitt, und zwar gründlich. Es bricht die Zähnchen des Grats der Schneide ab. Dadurch entstehen in der Schneide größere Lücken, die den Schnitt reißen, anstatt ihn zu schneiden. Man kann zwar mit einer styroporstumpfen Klinge dennoch Schnitte anfertigen, da gibt es keinen Zweife, ebenso wie man sich mit einem nicht ganz scharfen Messer in den Finger schneiden kann. Aber schön glatt und rißfrei werden die Schnitte nicht mehr.
Auch Kork ist wegen harter Einschlüsse wenig geeignet. Die modernen "Verkorkungsmaschinen" für Weinflaschen arbeiten mit hoher Kraft, so daß immer mehr die sehr harten und dicht gepreßten Korken in Gebrauch kommen. Sie lassen sich mit der Hand nicht durchschneiden. Der gute alte Korken ist fast nur noch als "Laborkorken" zu bekommen und recht teuer.
Auf welche Art wir ein Objekt schneiden, wie wir die Klinge handhaben, hat nicht selten Einfluß darauf, ob und wie wir es am besten einbetten. Eine Rasierklinge kann man zwischen zwei Fingern und dem Daumen halten. Es wurden und werden allerlei "Anfaßhilfen" vorgeschlagen, Klingenhalter der verschiedensten Art oder geschlitzte Flaschenkorken usw., welche Hänschen Ungeschickt davor bewahren sollen, sich in die Finger zu schneiden. Eine ganze Schachtel zum Teil eigentümlich gestalteter Klingenhalter habe ich in einem mikroskopischen Nachlaß gefunden und alle ausprobiert. Die meisten davon verschwanden gleich in der Mülltonne, und auch die wenigen, die ich sozusagen aus Pietät aufhebe, taugen nichts. Sie waren wohl mehr zum Tapetenschneiden oder für künstlerische Betätigungen bestimmt, jedenfalls nicht für mikroskopische Schnitte. Ich habe immer gefunden, daß die "nackte" Klinge den Fingern den besten Kontakt vermittelt, und daß passable Schnitte sich so am besten erlernen lassen.
Ich ziehe steife Klingen vor, vor allem die schönen Industrieklingen der Marken Martor (Beermann) in Solingen oder Lutz in Solingen-Graefrath. Sie biegen sich nicht durch und vibrieren beim Schnitt nicht, was ihn meist wellig oder "stufig" macht, trotzdem sind sie superscharf. Man erhält sie in "Technischen Handlungen" bzw. Werkzeuggeschäften, wo es auch Kugellager, Schraubstöcke usw. gibt. Doch auch die von Wilkinson Sword und Gillette finde ich sehr brauchbar. Man sollte sie aber vorher putzen, sonst kommen von den Gillette Öl- oder Fett- und von den Wilkinson Wachsspuren in die Schnitte. Daß diese Technik nicht alleinseligmachend ist, schrieb mir vor kurzem Dr. Detlev KRAMER, der an der Uni Darmstadt viele botanische Mikro-Kurse abgehalten hat. Er berichtet von guten Erfahrungen mit dünnen Klingen, wie z. B. den platinveredelten Gillette und Rotbart.
Sodann sind da noch die etwas längeren gebräunten Hobelklingen zum Entfernen von Tapeten und die Solinger Hobelklinge Nr. 310 zum Abheben der Hornhaut in den üblichen Abmessungen für Rasierapparate, die man in medizinischen Fachgeschäften, in der Apotheke, der Drogerie oder der Pediküre bekommt. Diese beiden Klingentypen sind ebenfalls sehr steif und scharf. Auch damit lohnt ein Versuch. Da muß wohl jeder seine eigene Methode herausfinden.
Rasierklingen einspannen
Wir wollen großzügig auch die Benützung von mehr oder weniger raffinierten Klingenhaltern zu den Freihandschnitten zählen. Da gibt es einmal die aus Messing oder Stahl, für die schon allerlei Bauvorschriften mit exakten Maßen in Mikroskopikerkreisen kursieren. Auch Heinz STREBLE hat in Inzigkofen vor einigen Jahren ein Modell vorgestellt, mit dem sich schöne Schnitte machen lassen, mit einigem Geschick sogar in einer "Dünne" unter 10 µ. Dieses Modell ist jedoch für die Einmalmesser von Leica konstruiert.
Von den Mikrotomherstellern gibt es ebenfalls Klingenhalter für Rasierklingen. Sie stehen in der Regel in Preis-Konkurrenz mit einer Woche Urlaub auf Teneriffa. Günstiger ist es, einen Feinmechaniker zum Freund zu haben.
Klingenhalter verwendet man in der Regel nicht freihändig, sondern mit einem Hand- oder einem Tischmikrotom. Ich ziehe das stabilere Tischmikrotom vor, sein schwerer Standfuß läßt sich auf einfache Weise an einer beliebig dicken Arbeitsplatte oder einer steinernen Fensterbank mit einer Tischlerklemme befestigen, so daß er sich nicht mehr rühren kann. Die Anklemmeinrichtungen für die kleineren Handmikrotome hingegen passen oft nur an Normaltischplatten aus den dreißiger Jahren oder dünne marmorne Fenstersimse. In der bloßen Hand gehalten, verspricht ein solches ("pilzförmiges") Handmikrotom keinen Erfolg, denn man sollte das Rasiermesser oder den Klingenhalter besser mit beiden Händen sauber und sicher über Glasplatte des Hand- oder Tischmikrotoms führen.
Rasierklingen schützen: Die meisten Rasierklingen sind beim Kauf in gewachstes Papier eingeschlagen. Es konserviert sie. Aus dem Papier herausgenommen und der Luft ausgesetzt, "verderben" sie, die Schneide oxidiert und wird stumpf.
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